Darmkrebs Interview – Unsere Bloggerin Momo berichtet

Was unserer Stoma-Bloggerin Momo durch den Kopf ging, als sie die Diagnose Darmkrebs erhalten hat und wie sich ihr Alltag geändert hat, berichtet sie uns in diesem Interview.

1. Wann hattest du die Diagnose Darmkrebs und wann war dann die OP?

Das ist jetzt ziemlich genau 10 Jahre her. Am 23. Mai 2012 war meine OP.

2. Was ging dir damals als erstes durch deinen Kopf, als du die Diagnose erhalten hast?

Wenn man, so wie ich, seit siebzehn Jahren einen sehr aktiven Morbus Crohn hat, dann lebt man mit der Option an Darmkrebs zu erkranken. Eigentlich ist die alle halbes Jahr durchgeführte Darmspiegelung dafür da, den Krebs abzuchecken. Und genau nach so einer Darmspiegelung habe ich dann auch die Diagnose bekommen.

Ich weiß noch sehr genau, wie mein Mann und ich an einem Sonntag beim Abendessen saßen und das Telefon klingelte. Zuerst war es absolut unwirklich, mein Arzt erklärte mir den Befund, zwei Tumore im Dickdarm und bat mich, am nächsten Tag in die Praxis zu kommen.

Und da saßen wir dann da und sahen uns an. Die Zeit war stehen geblieben und das Verstehen sackte nur ganz langsam ins Bewusstsein.

3. Welche Untersuchungen und Behandlungen kamen damals nach dieser Information auf dich zu?

Eigentlich keine.

Mein Arzt meinte, dass die Ärzte in der Charité Berlin seit neuestem einen Pouch bei einem Morbus Crohn und meiner Diagnose operieren, und hat mich deshalb dort angemeldet. Der Termin war etwa 4 Wochen danach. Für die OP wurde ein Blutbild gemacht.

4. Hat man dir erklärt in welchem Stadium sich der Krebs befunden hat ?

Ja, ein T1 und ein T3. Also eigentlich eine noch ganz gute Ausgangsposition. Aber dass der Darm operiert werden muss, stand fest. Durch die dauerhafte Entzündung, 17 Jahre lang, gab es dazu einfach keine Alternative. Die Aussicht auf einen Pouch, und damit eine vermeintliche Normalität, gaben mir in den 4 Wochen bis zur OP Stabilität.

Natürlich habe ich mich in der Zeit schon mit der Situation auseinandergesetzt, zumindest temporär ein Stoma zu bekommen.

5. Was hat dir in der Zeit am meisten geholfen? Welche Hilfestellungen hast du dir gesucht?

Wirklich Zeit zum Nachdenken hatte ich nicht.

Mein Mann und ich führen eine Firma. Eine Freundin war so großartig und hat in meiner Abwesenheit meine Arbeit übernommen. Sie habe ich in den Wochen vor meiner OP eingearbeitet und somit wahr ich ein wenig abgelenkt von meinen Ängsten.

Trotz der langen Zeit meiner Krankheit und gerade, weil ich unser Gesundheitssystem so gut kenne, war mir klar, dass ich diesen Weg nach Berlin und die ersten Tage im Krankenhaus nicht allein gehen konnte. Ich habe deshalb meinen Bruder aus Frankreich gebeten, an meiner Seite zu sein. Er ist Arzt und der Mensch, bei dem ich auch mal schwach sein kann.

6. Hast du dein heutiges Leben, deinen Alltag aufgrund deiner Erkrankung sehr ändern müssen?

Klar ist es eine Umstellung gewesen, viele Fragen tauchten auf:

Wie kann ich das Leben im Umgang mit einem Stoma zu erlernen, was und wieviel darf ich essen, welche Bewegung und Arbeit kann ich mir zumuten und wie viel darf ich heben, was erwartet mich noch?

Und dann kam damals nach der OP auch erst noch die Chemotherapie. Ein halbes Jahr lang. In der Zeit hatte ich viel Angst. Erst alle 3, dann alle 6 Monate Kontrolluntersuchungen. Die 2 Wochen davor war ich jedes Mal ganz schön panisch. Das war schon eine schwierige Zeit.

Heute würde ich sagen, dank des Krebses bzw. des Stomas habe ich mein Leben zurückbekommen. Die durch den Morbus Crohn bedingten und unkontrollierten Durchfälle und Schmerzen sind vorbei, und wenn auch etwas anders als andere Menschen, führe ich jetzt ein normales Leben. Das Wichtigste ist – die Angst ist lange überwunden.

7. Was würdest du uns sonst noch gern erzählen?

Die Diagnose Krebs verändert schon den Blick auf das Leben. Die eigene Endlichkeit ist plötzlich real. Das hat mir zuerst viel Angst gemacht, aber dann hat es dazu geführt, dass ich mein Leben viel bewusster lebe. In einem anderen Bewusstsein erlebe?

Auch im Miteinander mit anderen Menschen ist es erst einmal anders. Viele trauen sich nicht danach zu fragen, auch, um dich zu schützen. Aber daraus entsteht oft so eine Hilflosigkeit und Sprachlosigkeit. Im Gegenzug fragen dich nahezu fremde Menschen, die selbst schon Krebs hatten, oft ganz direkt, einfach, weil sie um dieses Gefühl des Alleinseins aus eigener Erfahrung wissen.