MedInform-Konferenz zur klinischen Prüfung von Medizinprodukten: Rund 250 Anträge zu klinischen Prüfungen im ersten Jahr der Genehmigungspflicht

Berlin/Bonn. Ein Jahr nach dem Inkrafttreten des neuen Medizinprodukterechts zur Durchführung klinischer Prüfungen und Leistungsbewertungsprüfungen mit Medizinprodukten gibt es in der Praxis noch immer ungeklärte Fragen. Das zeigte die MedInform-Konferenz ‘Klinische Prüfung von Medizinprodukten und Medizinprodukte-Sicherheitsbeauftragter’ mit rund 70 Teilnehmern am 17. März 2011 in Bonn. Beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) sind in den zwölf Monaten seit Inkrafttreten der Genehmigungspflicht knapp 250 Anträge auf klinische Prüfungen eingereicht worden, davon knapp 150 Anträge auf Genehmigung und rund 100 Anträge auf Ausnahmen von der Genehmigung. Die Verfahren könnten beschleunigt werden, wenn besser auf die Vollständigkeit der Unterlagen geachtet würde, so Dr. Ekkehard Stößlein vom BfArM. Zu den formalen Mängeln gehören der fehlende oder unvollständige Nachweis der sicherheitstechnischen Unbedenklichkeit oder der Risikoanalyse. Das BfArM hat die Aufgabe, nach wissenschaftlichen und technischen Gesichtspunkten zu prüfen. Die Ethik-Kommissionen, die ebenfalls genehmigen müssen, prüfen ethische und rechtliche Aspekten.

Verbesserungen in den Verfahrensabläufen könnten insbesondere durch eine enge Zusammenarbeit der Behörden und der Hersteller erzielt werden. Eine besondere Bedeutung – insbesondere bei der Marktüberwachung von Medizinprodukten – kommt den Medizinprodukte-Sicherheitsbeauftragten der Hersteller zu, so Dr. Wilhelm Emmerich von Becton Dickinson. Fazit der MedInform-Konferenz: Die Marktüberwachung von Medizinprodukten ist ein sehr effizientes System im Hinblick auf erhöhte Marktransparenz und verbesserten Patienten- und Anwenderschutz. Fehler und Schwachstellen werden früher erkannt und behoben. Die gewonnenen Erkenntnisse führen zu besseren, risikoärmeren Produkten. Aus Sicht der Hersteller wäre es dabei wünschenswert, auch auf Seite der Krankenhäuser feste Ansprechpartner für die Marktüberwachung und die Vorkommnismeldungen zu haben, um die Kommunikation weiter zu verbessern.

In die einzelnen Entwicklungsschritte von Medizinprodukten bis hin zur Langzeit-Marktüberwachung führte Dr. Martin Abel ein, Leiter Medical & Regulatory Affairs bei Lohmann & Rauscher und Sprecher des BVMed-Arbeitskreises Regulatory Affairs. Medizinproduktehersteller müssen bei der Entwicklung von neuen Produkten Qualität und Herstellung, Unbedenklichkeit und Sicherheit sowie Leistung und therapeutischen Nutzen beachten. Entscheidend am Beginn des Entwicklungsprozesses ist die Zweckbestimmung: Wo liegt die Leistung des Produktes? Ist die Hauptwirkung hauptsächlich physikalisch, handelt es sich um ein Medizinprodukt. Bei strittigen Fragen zur Klassifizierung des Medizinproduktes in die Risikoklassen steht das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) als Ansprechpartner zur Verfügung. Die einzelnen Schritte von der Idee zur Marktzulassung umfassen die technische Entwicklung, die Biokompatibilität, die technische Leistung, die Anwendung an Patienten im Rahmen der klinischen Prüfung, die CE-Zertifizierung und im Anschluss die Langzeitbeobachtung des Medizinproduktes. Die Marktbeobachtung spiele über Post Market Surveillance Studies (PMS), Post Market Clinical Follow-up (PMCF), Einzelfallberichte, epidemiologische Erhebungen und Anwenderakzeptanzprüfungen eine große Rolle, so Abel. Er regte an, bei den Themen der Marktüberwachung feste Ansprechpartner in Krankenhäusern und im Fachhandel zu installieren, um die Kommunikation zu verbessern.

Dr. Ekkehard Stößlein, Fachgebietsleiter „Aktive Medizinprodukte“ beim BfArM, ging auf das Genehmigungsverfahren klinischer Prüfungen von Medizinprodukten ein. Das BfArM ist nach der letzten Änderung des Medizinproduktegesetzes vom März 2010 seit einem Jahr zuständig für die Genehmigung klinischer Prüfungen. Die Antragstellung erfolgt ausschließlich elektronisch über das Deutsche Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI). Wichtige Unterlagen sind unter anderem der Prüfplan, die präklinische Bewertung, die Ergebnisse einer biologischen Sicherheitsprüfung, der Nachweis der sicherheitstechnischen Unbedenklichkeit, die zum Verständnis der Funktionsweise des Medizinproduktes erforderlichen Beschreibungen und Erläuterungen und die Risikoanalyse und –bewertung. Das BfArM hat ein neues Fachgebiet „Klinische Prüfung“ eingerichtet, das derzeit neun wissenschaftliche Mitarbeiter umfasst. Das BfArM hat zehn Tage Zeit für die formale Prüfung des Antrags. Die 30-Tage-Frist für die inhaltliche Prüfung des Antrags startet erst, wenn die Antragsunterlagen vollständig eingereicht sind. Die BfArM-Prüfung konzentriert sich auf vier Prüfbereiche: Risikobewertung, biologische Sicherheit, sicherheitstechnische Unbedenklichkeit sowie den Prüfplan. Die Zahlen nach einem Jahr: Insgesamt sind 243 Anträge auf klinische Prüfungen eingereicht worden, davon 144 Anträge auf Genehmigung, von denen das BfArM bislang 80 positiv beschieden hat. 21 Anträge werden noch formal geprüft, da die Unterlagen nicht vollständig eingereicht wurden. 99 Anträge wurden gestellt, um von der Genehmigung abzusehen. Davon sind 64 erteilt worden. Zu den formalen Mängeln gehören der fehlende oder unvollständige Nachweis der sicherheitstechnischen Unbedenklichkeit sowie der Risikoanalyse oder einer zusammenfassenden Risikobeurteilung. Häufige inhaltliche Mängel sind, dass die Risikoanalyse nicht nachvollziehbar oder unvollständig ist, die präklinischen Daten nicht ausreichend sind oder das technische Verfahren kaum plausibel ist. Schwerwiegende unerwünschte Ereignisse (SAEs) in klinischen Prüfungen müssen elektronisch gemeldet werden. Dabei ist zwischen einem Produktbezug und einem Bezug zur medizinischen Prozedur zu unterscheiden. Die Meldungen sind nach Ansicht von Stößlein unter formalen und inhaltlichen Aspekten „deutlich verbesserungswürdig“. Das BfArM wird daher in Kürze ein Dokument veröffentlichen, worauf bei den SAE-Meldungen geachtet werden sollte.

Richard Nehm von der Online-Trainingsorganisation “Word Medical Devices Organization” (WMDO) aus der Schweiz führte in die überarbeitete Norm ISO 14155:2011 zur Klinischen Prüfung von Medizinprodukten an Menschen ein. Die „International Organization for Standardization“ (ISO) veröffentlichte die Norm im Februar 2011. Die Norm legt die formellen Anforderungen an die Durchführung von klinischen Prüfungen bei Medizinprodukten fest. Sie dient insbesondere dem Schutz von Probanden, die in der Prüfung eingesetzt werden. Außerdem soll sie einen Beitrag zu wissenschaftlich haltbaren Ergebnissen der Prüfung leisten. Die Norm bindet den bisher selbstständigen Teil 2, der den Inhalt des Prüfplans festlegt, mit ein. Sie lehnt sich, soweit das sinnvoll ist, an die Vorschriften zur klinischen Prüfung von Arzneimitteln an, um Institutionen, die sowohl Arzneimittel als auch Medizinprodukte prüfen, die Anwendung zu erleichtern. Die Aufgaben des Auftraggebers (Sponsors), des vom Auftraggeber beauftragten überwachenden Arztes (Monitors) und des klinischen Prüfers werden in separaten Abschnitten zusammengefasst. Die Norm wendet sich an Hersteller von Medizinprodukten und Ärzte sowie Institutionen, die klinische Prüfungen von Medizinprodukten durchführen. Die aktualisierte Norm kann über die ISO-Webseite (www.iso.org) bezogen werden.

Das neue Bewertungsverfahren durch eine nach Landesrecht gebildete Ethik-Kommission (EK) stellte Dr. Guido Grass vor. Er ist Leiter der Geschäftsstelle der Ethik-Kommission der Medizinischen Fakultät der Universität Köln. Die Stellung der Ethik-Kommissionen sei durch die jüngste Rechtsänderung aufgewertet worden. Klinische Prüfungen mit Medizinprodukten dürfen erst nach einem positiven Votum der zuständigen EK beginnen. Im Mittelpunkt steht die ethische und rechtliche Bewertung des Prüfplans und der erforderlichen Unterlagen. Wie bei den behördlichen Anträgen an das BfArM sollte auf Vollständigkeit und Plausibilität der Antragsunterlagen geachtet werden. Der Antrag muss elektronisch über das DIMDI-System gestellt und der zuständigen EK zugeordnet werden. Die zuständige EK ist die nach Landesrecht für den Prüfarzt zuständige Kommission. Vorgelegt werden müssen unter anderem der Prüfplan, die Beschreibung der studienbedingten Maßnahmen, eine präklinische Bewertung, eine Nutzen-Risiko-Bewertung und ein Plan für eine Weiterbehandlung und medizinische Betreuung der Probanden. Für die Prüfung auf Vollständigkeit gilt für die EKs eine Frist von zehn Tagen. Die Bewertung durch die EK erfolgt spätestens 60 Tage nach Vollständigkeit des Antrags. Eine entsprechende Mitteilung erfolgt an das BfArM, den Sponsor und die beteiligten EKs. Für die Qualifikation der Prüfärzte gibt es höhere Anforderungen als im Arzneimittelbereich. Der Leiter der Prüfung muss mindestens zwei Jahre Erfahrung in der Prüfung mit Medizinprodukten haben. Eine langjährige Erfahrung mit Arzneimitteln ist nicht ausreichend. Unerwünschte Ereignisse während einer klinischen Prüfung sind nur noch an das BfArM zu melden, nicht mehr wie früher auch an die EKs. Grass wies darauf hin, dass noch in diesem Jahr erläuternde Texte durch den Arbeitskreis Medizinischer Ethik-Kommissionen und der Bundesärztekammer vorgelegt werden sollen.

Dr. Wilhelm Emmerich, Regulatory Affairs Manager bei BD Becton Dickinson, gab einen Erfahrungsbericht eines Medizinprodukte-Sicherheitsbeauftragten (SBA). Der Sicherheitsbeauftragte ist eine Besonderheit im deutschen und österreichischen Medizinprodukterecht. Dem Sicherheitsbeauftragten komme eine wichtige Schlüsselrolle in der Marktüberwachung von Medizinprodukten zu. Von 18.000 Meldungen zu Vorkommnissen im Jahr 2010 kommen knapp 14.000 von den Sicherheitsbeauftragten der Unternehmen. „Eine gute Kooperation zwischen Sicherheitsbeauftragten und zuständigen Behörden ist notwendig, um das System zum Nutzen der Patienten und Anwender stetig zu verbessern“, so Emmerich. Der extrem weite Aufgabenbereich erlaube höchstens eine Koordinierungsfunktion und erfordere weitreichende Unterstützung im Unternehmen. Die rechtliche Stellung des SBA entspreche der des Stufenplanbeauftragten und ist mit dem des europäischen Bevollmächtigten zu vergleichen. Eine einheitliche Ausbildung erscheint unmöglich − bedingt durch unternehmensspezifische Anforderungen. Probleme mit dem Nachwuchs seien unverkennbar, da die Funktion weitreichende Erfahrungen und Kenntnisse erfordere, aber wenig Entwicklungsmöglichkeiten biete. Um die Aufgabenerfüllung des Sicherheitsbeauftragten in international tätigen Unternehmen zu erleichtern, forderte Emmerich eine weitere europäische Harmonisierung beispielsweise bei Meldeformblättern und Klassifizierungscodes. Eine vollständig etablierte Europäische Datenbank, zu der auch die Sicherheitsbeauftragten Zugang hätten, würde viele der dargestellten Schwierigkeiten zu beheben helfen. Wünschenswerte wären auch EU-weit harmonisierte Verfahrensanweisungen zur Qualitätssicherung der Überwachung von Herstellern und Betreibern. Dr. Jürgen Attenberger vom niedersächsischen Gesundheitsministerium ging auf die Aufgaben und die Position des Sicherheitsbeauftragten aus Sicht einer obersten Überwachungsbehörde ein. Der SBA sollte organisatorisch zur Vermeidung von Interessenkonflikten adäquat eingebunden sein. Zu seinen Aufgaben zählt die Produktbeobachtung, die durch Kundeninformationen, Mitteilungen des Medizinprodukteberaters, Informationen aus dem Wartungsdienst, interne Prüfergebnisse und Qualitätssicherungsdaten, Erkenntnisse der zuständigen Behörden oder Hinweise aus der wissenschaftlichen
Standardliteratur und den Medien gespeist wird.

Rechtsanwalt und Arzt Dr. Dr. Adem Koyuncu, Mitglied im BVMed-Network „Medizinprodukterecht“, schilderte die Aufgaben, die rechtliche Rolle und die Haftung des Medizinprodukte-Sicherheitsbeauftragten. Jeder Medizinproduktehersteller muss nach dem Medizinproduktegesetz (MPG) einen Sicherheitsbeauftragten für Medizinprodukte benennen und den Behörden anzeigen. Der Sicherheitsbeauftragte hat bekannt gewordene Meldungen über Risiken bei Medizinprodukten zu sammeln, zu bewerten und die notwendigen Maßnahmen zu koordinieren. Er ist für die Erfüllung von Anzeigepflichten des Herstellers verantwortlich. Er steht damit in einem Spannungsfeld zwischen dem Interesse des Unternehmens und dem öffentlichen Interesse an der Medizinproduktesicherheit. Im Kern seiner MPG-Verantwortung ist er damit nach der gesetzlichen Konzeption seiner Rolle gegenüber seiner Geschäftsleitung nicht weisungsgebunden. Rechtliche Konsequenzen bei Fehlverhalten drohen aufgrund der persönlichen Verantwortlichkeit aus dem Straf-, Zivil- und Öffentlichen Recht. Durch eine sachgerechte interne Organisation können das Haftungsrisiko begrenzt und abgesichert werden. Bestehende Instrumente der Absicherung des Unternehmens schützen auch den SBA, beispielsweise die Betriebshaftpflichtversicherung, die Probandenversicherung bei klinischen Studien oder arbeitsrechtliche Freistellungsansprüche.

Quelle: BVMed