Meine lebhafte Beziehung als Rollstuhltanzportler zu meiner Wahlheimat

Eigentlich komme ich ja aus Hannover. Aber vor etwas mehr als 15 Jahren verschlug es mich zum Studium nach Osnabrück.

‘Studieren mit ‚Behinderung‘’ – denn ohne kann ich mir nicht vorstellen – wäre ja ein weiteres, mögliches Thema für diesen Blog. Allerdings beschäftige ich mich nur selten intensiv mit Einschränkungen und vermeintlichen ‘Handicaps’, mir geht es vielmehr um Lösungen. Osnabrück war eine davon.

Von Zuhause zog oder schob es mich nach dem Abitur unbedingt in eine neue Stadt. Voller Ideale die Welt erforschen und dabei sich selbst entdecken! Ich landete in Osnabrück, im südwestlichen Niedersachsen, da eine Stadt mit ‘Gö-‘, im südöstlichen Niedersachsen, damals ausschied. Eine rückblickend fatale Entscheidung? Hätte ich dieser Stadt in Ostniedersachsen das ‘Ja-Wort’ gegeben hätte ich heute vermutlich Arme wie Arnie und exzellente ‘Rollstuhlfahrersteilwände’ zum täglichen Training direkt vor der Haustür. Hier ist eine aussichtsreiche Bilderbuchbodybuilderkarriere im Sande der norddeutschen Tiefebene verlaufen. So kann es gehen, wenn man sich pragmatisch der Bequemlichkeit hingibt.

Osnabrück fühlte sich aber schon bald wie ‘Little-Hannover’ mit kulturell beeindruckender Note und ländlich-provinzialem Beigeschmack im Abgang an – einfach, charmant und für den bevierräderten Einsteiger: Es ist flach, aber nicht platt. Hättet ihr mich direkt nach der Schule gefragt, hätte ich gesagt: „Hier bleibe ich nicht, aber zum Sterben komme ich zurück!“ – eine gewagte und politisch vollkommen unkorrekte Äußerung eines Mannes in seinen End-Zehnern.

Als Endstation sehe ich Osnabrück nach wie vor nicht, aber wieder zurück am Bahnhof nach Turnieren, Trainingslagern oder Gruppenunterrichten habe ich oft das wohlige Gefühl von Heimat. Wohlgemerkt bereits an einem Bahnhof! Neben der spannenden Zeit in Osnabrück und der lebendigen Bahnhofsatmosphäre sage ich als Mensch, dass es gerade die Menschen hier sind, die dieses wohlige Gefühl entscheidend mitprägen. Allen voran am Bahnhof das stets freundliche und offene Bahnhofspersonal. Der ‚Rollstuhlnutzer‘ in mir sagt: Gab es reise-organisatorische Barrieren, so gab es stets einen engagierten und freundlichen Ansprechpartner mit einer kreativ-maßgeschneiderten Lösung. Mögen andere anderes sagen, so sage ich: Wie es in den Wald hineinbrüllt, so brüllt und wirft es manchmal hinaus.

In den letzten Jahren war ich viel auf der Schiene unterwegs. Ihr kennt das sicher: Irgendwann ist auch der größte Kernreaktor im ‚strombetriebenen Durchhaltehäschen‘ erschöpft, dann muss neue Energie getankt werden. Und auch das mag ich hier: du brauchst nie lange und stehst im Wald, im Teutoburger Wald zum Beispiel. Es sei denn du bist im Zentrum, dann braucht es einen ausgedehnten Spaziergang bis zur grünen Naherholung. Ausgedehnte Spaziergänge unternehme ich gerne: Erst Koordinations- und Ausdauertraining auf huckeligen Waldpisten und anschließend relaxen in der menschenleeren Natur.

Hier gibt es aber nicht nur Wald und Bahnhof, Osnabrück hat auch viel Kultur! Als Tänzer und auch als Kommunikationsdesigner bin ich natürlich sehr visuell und auch neugierig veranlagt. Mich interessieren die geschichtsträchtigen Gemäuer unserer Altstadt – das Kopfsteinpflaster ist ein ausgezeichnetes Trainingspflaster für Leistungssportler. Die vielen kleinen und großen Museen oder kleingroßstädtischen Kunstrevolten trainieren Auge und Köpfchen – Osnabrück atmet förmlich jenen soliden künstlerischen Hauch, der entsteht, wenn Kunst kontinuierlich ihre Selbstreflexion und ihren Drang zur Weiterentwicklung inhaliert. Böse Zungen würden vielleicht sagen: Atemnot oder Stillstand.

Hier steht aber meist nicht viel still, und das kann ich bestätigen: Im hannöverschen Nachtleben begannen meine ersten Tanzschritte. Partynächte in einer meiner ‚Stammdiscotheken‘ in Osnabrück sind für mich auch heute noch eine wichtige Möglichkeit, einfach mal eine Nacht lang das zu tun, worauf es beim Tanzen wirklich ankommt: Dadurch, dass man sich selbst nahe ist, anderen nahe zu sein, kurz: gemeinsam eine tolle Zeit zu haben.

Momentan sieht es mit dem Stillstand leider etwas anders aus, Großveranstaltungen fallen aus und Clubs bleiben geschlossen.

Als Mensch sage ich: Ich vermisse diese tollen Stunden mit tollen und manchmal skurrilen Begegnungen auf und neben der Tanzfläche. Der ‚Rollstuhlnutzer‘ in mir sagt:
An dieser Stelle eine herzliches Dankeschön an all diejenigen, die mit Respekt und Selbstverständlichkeit dort Möglichkeiten möglich machen, wo Bauten Barrieren bilden. Das gilt nicht nur für Discotheken!

Und doch mag ich es auch sehr, für einen Moment einfach nur still zu stehen und früh morgens, nach einer durchtanzten Nacht, auf dem Parkplatz stehend, vor meiner Wohnung die Sterne zu beobachten. Osnabrück ist großartig und Osnabrück ist auch immer das, was man selbst bereit ist, mitzubringen.