Rendezvous mit einem Betonklotz

Seit dem 22. März gelten in Deutschland die Kontaktbeschränkungen zur Eindämmung der Corona-Pandemie. Nun werden diese Maßnahmen in bestimmten Punkten gelockert.

Viele von uns sind sicher erleichtert, beispielsweise in gewissem Maße wieder über den Bedarf des täglichen Lebens hinaus einkaufen gehen zu können oder über eine schrittweise Öffnung der Schulen.

Auch für alle diejenigen, die aktiv Vereinssport betreiben, mag der Gedanke an baldige Lockerungen verlockend sein. Sich wieder regelmäßig mit Sportsfreunden treffen und eine tolle Zeit mit lebhaften Gesprächen und gemeinsamen Interessen verbringen – das ist es, was in diesen Tagen fehlt. Ob das nun Freizeitsport oder Leistungssport ist, da sitzen wir alle zumindest ein Stück weit im gleichen Boot.

Mir fehlen dieser Tage sehr meine Tanzsportgruppen in Rheine und Bad Harzburg, aber auch der Austausch mit Vereins- und Teamkollegen in Hannover, Rheine, Osnabrück oder im Bundeskader.

Sport ist seit zehn Jahren mein Leben. Hier habe ich mich bedeutend weiterentwickeln dürfen, durch eine ständige Einladung zum Wachsen an Herausforderungen. Nichts anderes sind unsere Turniere im Leistungssport – eine Einladung, über sich selbst und seine Limits hinauszuwachsen. Oder ich denke gerade jetzt auch an die unzähligen Begegnungen mit neugierigen, mitunter sportbegeisterten und offenen Menschen bei Showauftritten, Messen, Workshops und vielen anderen Veranstaltungen.

Mein Sportleralltag beginnt mit Frühsport – jawoll, ohne Frühstück, dann einer Trainingseinheit und endet mit Mentaltraining am Abend. Dazwischen gehe ich gerade auch als Randsportler einer Randsportart in einer Randsportart – sehr grenzgängerisch könnte man meinen – natürlich auch einer beruflichen Tätigkeit mit entsprechenden Verpflichtungen nach.

Das alles kann ich leisten, nicht nur, weil ich weiß, wofür ich das tue, sondern weil die Arbeit mir den finanziellen Spielraum zu kontinuierlicher Weiterentwicklung im Sport gibt und der Sport nebenbei auch ein Ausgleich zur Arbeit ist. So sieht mein alltägliches Mikadospiel aus. Und nun zieht eine kleine ansteckende Fettkugel namens ‚Corona‘, gefüllt mit gesundheitlich bedenklichem Genmaterial, regungslos und eiskalt den untersten Mikadostab weg. Da könnte man ins Wanken geraten. Die Sporthallen sind zu, die Veranstaltungen abgesagt oder vertagt.

Randsport fühlt sich manchmal wie ein Dschungelausflug an, weil man sich durch das Dickicht von Trainingsplänen, Kosten- und Finanzierungsfragen, körperlichen und mentalen Belastungsgrenzen, politischen Fragen und Fragen der eigenen Position – wo stehe ich eigentlich und was will ich da? – schlägt, mit nichts als den eigenen Händen und vielfach vollkommen undercover. Und dann das: Eine Vollbremsung, nachdem man gerade so richtig im Training in Fahrt gekommen ist: Vor uns taucht aktuell, unverhofft und mitten in diesem wilden Dickicht ein sturer, unüberschaubarer Betonklotz auf – mit großen Buchstaben, in Stein gemeißelt darauf ‚Corona‘.
Wichtig ist, glaube ich, dass wir zwei Dinge jetzt unterscheiden: persönliche Interessen und das Interesse der Allgemeinheit, diesen Klotz unbeschadet hinter uns zu lassen. Ein wichtiger Part, den auch wir Sportler aktuell dazu beitragen können, ist die Notwendigkeit bestimmter Einschnitte zu sehen, auch wenn gerade wichtige und alltägliche Strukturen unseres Trainings dabei wegfallen. Unsere Herausforderung: Fit und gesund bleiben, indem wir neue Wege, Wege um diesen Klotz herum, für unseren Sportleralltag entdecken.

Bleibt auch ihr gesund, fit und flexibel!