Stoma, die unsichtbare Erkrankung – Fluch und Segen

Moin ihr Lieben,

so einen Beutel auf dem eigenen Bauch zu haben, ist Fluch und Segen zugleich. So gut mein Leben mit dem Beutel geworden ist, manchmal verfluche ich ihn trotzdem. Durch meinen Umzug ins neue Haus und die gesamte Arbeit draußen rund um das Haus merke ich es immer wieder. Die Menschen nehmen mich als völlig gesunden und starken Menschen war. Klar finde ich es super, wenn ich so ganz „normal“ auf andere wirke. Ich bin aber nicht ganz „normal“.

Was ist überhaupt normal? Es scheint nicht normal zu sein, wenn mich ein Nachbar fragt, ob ich mal kurz mit anpacken kann und ich nein sagen muss. Das Verständnis ist erstmal nicht da – wie auch, die Nachbarn kennen mich ja nicht. Aber mal eben Steine mit schleppen geht halt nicht. Also habe ich es erklärt, aber immer dieses erklären… Jemanden im Rollstuhl, an Gehhilfen oder mit nur einem Arm fragt man ja auch nicht, da hat man Respekt.

So ähnliche Situationen passieren mir immer wieder, früher ohne Beutel auch schon. Immer wieder werde ich von meinem Umfeld in diese Situation gebracht und muss mich erklären. Die meisten Menschen in meinem Umfeld kennen mich, und wissen, dass ich in die eine oder andere Richtung eingeschränkt bin. Diese Menschen behandeln mich „normal“. Klar kann ich vieles machen und das darf man auch gerne fordern. Natürlich helfe ich auch gerne meinen Nachbarn, aber eben nicht, wenn ich mich selber in Gefahr bringe. Verständnis hat er dann gehabt und Hochachtung dafür, was ich hier so geleistet habe. Mein Mann hat dann dem Nachbarn geholfen. Manchmal nervt es, immer wieder für die Gesunde gehalten zu werden, auch wenn es darum geht, auf das Schwerbehinderten-WC zu gehen. Die Blicke ignoriere ich und mache es einfach. Frage mich da aber schon, was sich die Leute denken. Ich habe einen Schlüssel dafür, den habe ich nicht irgendwo gestohlen.

Ich habe gelernt, meine Grenzen klar zu formulieren und dafür einzustehen, egal wer mir gegenüber ist. Ich bin ich und ich bin so wie ich bin! Wenn ich auf eine Hilfefrage mal nein sage, hat das einen Grund und den möchte ich nicht sofort jedem mitteilen. Ein Segen ist es aber auch, dass keiner sofort sieht, die ist ja krank oder behindert oder was auch immer. Keiner

kommt mit irgendwelchem Mitleid auf mich zu, so werde ich nicht gleich in eine Schublade gesteckt. Gerade neue Leute kennenlernen ist so einfacher. Als Rettungsschwimmerin, Referentin in der Erwachsenenbildung oder als Ausbilderin in der Schwimmhalle, hier nehmen sie mich alle ganz normal wahr, wie jeden anderen auch. Die Eltern der Kinder oder auch der erwachsene Teilnehmer, Menschen, denen ich in meinem Leben kurz begegne und dann nie wiedersehe, nehmen mich als normal wahr. Diese Menschen bewerten mich an meinem Handeln, an meinem Charakter und ob ich die Aufgabe gut oder schlecht mache. Sind die Teilnehmer mit dem Lehrgang, dem Schwimm- oder Rettungsschwimmkurs zufrieden? Fühlt sich der Badegast am Strand sicher, wenn ich da bin? Das sind die Dinge, die ich sehr schätze, dass nicht gleich jeder sofort sieht, dass ich einen Beutel auf dem Bauch trage. Dieser Beutel macht mich auch nicht zu einem Menschen zweiter Klasse, genauso wenig den Rollstuhlfahrer, den Einarmigen oder wen auch immer. Wir sind alles Menschen und haben unsere Stärken und Schwächen, so sind wir eben – gleich!

Ich wünsche euch allen, dass ihr für eure eigenen Grenzen eingesteht, ihr die Stärke besitzt, auch mal nein zu sagen und die Momente genießt, in denen ihr als ganz gesunde Menschen wahrgenommen werdet! Passt immer gut auf euer Stoma auf.

Eure Melli