Tanzen mit Rollstuhl und Rollstuhlnutzern – erste Tanzerfahrungen für Fußgänger und Rollstuhlnutzer!

Im Prinzip ist die Geschichte bekannt, schon oft habe ich sie zu verschiedenen Anlässen erzählt: Wie kam ich zum Tanzen oder besser noch, wie kam das Tanzen zu mir? 2001 hatten meine Geschwister bereits den üblichen Tanzschulunterricht unserer gemeinsamen Teenagerjahre hinter sich. Für Rollstuhlnutzer gab es zu der Zeit noch kein vergleichbares, kommerzielles Angebot und der Rollstuhltanzsport in Vereinen war noch nicht sehr bekannt.

Damals gerade 17 Jahre jung, lernte ich also nicht, den eigenen Körper und den eigenen Körper plus fahrbaren Untersatz bewusst so zu bewegen, dass das Ergebnis als ‚Tanzen‘ hätte durchgehen können. Und wenn es damals nach Tanzen einmal aussah, war es meist ein Unfall. Wie bei meinem unfreiwilligen Erstversuch von Michael Jacksons brilliantem ‚Moonwalk‘: Beim winterlichen nach Hause transportieren eines schmackhaften Kuchenpaketes kam ich auf spiegelglattem Bürgersteig ins Rutschen. Mein Oberkörper versuchte intuitiv vorwärts das auszugleichen, was meine Beine unkontrolliert rückwärts auf das Eisparkett zauberten. Einer jener rasanten, hollywoodreifen Momente, die sich vor dem inneren Auge oft in Slow-Motion abspielen und gelegentlich auch glimpflich mit lediglich höflichen Hinweisen des Steißbeins auf die abgeschlossene Landung endeten. Hier ist natürlich Vorsicht geboten und dies keine Einladung zu Winter-Experimenten!

Ja, ich kann einige Schritte gut laufen. Dieser Umstand kann ein großer Vorteil sein, weil man vielleicht ein vollständigeres Körpergefühl bekommt, aber vor allem, weil man seine Hüften einsetzen kann. Beim Tanzen spielen die Hüften eine wichtige Rolle. Die einen schwingen sie, die anderen wackeln mit Ihnen oder erkennen die betörende Wirkung geschickt eingesetzter Hüften bei der Balz. Wiederum andere erkennen mit analytischer Präzision messerscharf und stumpf wie nüchtern, dass die Hüfte die Verbindung zwischen ‚Oben‘ und ‚Unten‘ ist. Das ist eine wesentliche Gemeinsamkeit zwischen Fußgängertänzern und Rollstuhltänzern.
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Ein großer Unterschied jedoch ist, dass Fußgänger mit dem ‚Unten‘, also ier Tanzfläche bewegen, während sie mit dem ‚Oben‘, also dem Oberkörper ihren Bewegungen Ausdruck verleihen oder Ihren Tanzpartner führen. Wobei hingegen der Rollstuhltänzer erwiesenermaßen seine Bewegung mit dem ‚Oben‘, genauer gesagt den Armen, startet und diese kontinuierlich mit den Hüften in das ‚Unten‘, also den Rollstuhl leitet, den Beinen also eine überwiegend passive Rolle zukommt. Wir Rollstuhlnutzer nutzen unsere Hüften also auch als Bindeglied zwischen ‚Oben‘ und ‚Unten‘ und lenken damit unseren fahrbaren Untersatz, während wir mit dem ‚Oben‘ uns über die Tanzfläche bewegen, zeitgleich den Tanzpartner führen und unseren Bewegungen Ausdruck verleihen.

Also, liebe Fußgängertänzer und -tänzerinnen: Eine ganz wichtiger Hinweis ist, wenn ihr euch auf einen Rollstuhlnutzer als Tanzpartner stürzen wollt, dass der Rollstuhltänzer ein irres Multitasking in seinem Oberkörper betreibt. Wir starten hier unsere Bewegung mit den Armen, leiten sie über die Hüfte in den Rollstuhl, führen einen Tanzpartner und verleihen unseren Bewegungen zudem einen Ausdruck. Genauso, wie man der Hummel hartnäckig unterstellt, dass sie eigentlich nicht fliegen kann, muss entschieden festgestellt werden: Das geht! …braucht aber anfangs etwas Konzentration und einen Tanzpartner, der oder die das versteht.
Soviel zur Theorie! Mein Hüftschwung war 2001, in Ermangelung entsprechender inklusiver Tanzsportangebote und der damit verbundenen kurzsichtigen ‚Hummelvorurteilsmentalität‘, also mehr auf Sofamodus, als auf Rio-Rythmen oder gar Grazie eingestellt. Während bei meinen gleichaltrigen Verwandten, Bekannten und Freunden der Tanz meist in der Hüfte begann, so begann damals bei mir Tanzen im Kopf: „Wie zum Henker, soll ich mein ‚Oben‘ und mein ‚Unten‘ anmutig über ein Tanzparkett schleifen und trotz Multitasking mehr Souveränität & Sexappeal als ein zitternder Herzchirurg im Dienst ausstrahlen?“

Ja, hier kommen zwei Frauen ins Spiel und die Antwort auf diese Frage ist: Mit gnademlosem Zwang, der einem fast den freien Willen – aber ganz sicher zu viele Grübeleien über ‚Wenns und Abers‘ – raubt.

Auf der Abschlussparty eines internationalen Schulprojektes zogen sie mich mit den Worten auf die Fläche: „Macht es dir Spaß, tanzenden Leuten zuzuschauen?“. Nein, macht es nicht! Und ganz bedeutend mehr Spaß machte es in den folgenden Jahren viele Bewegungen im Rahmen einer jugendlichen ‚Diskokarriere‘ frei zu entdecken – gewissermaßen aus dem Bauch heraus in die Hüfte und den Rest von mir. So lernt man am Besten Neues, durch viel mutiges Ausprobieren.

Erst ein paar Jahre später gesellte sich neben diesem Tanzen aus dem Bauch heraus, wieder der ordnend-strukturierende Kopf und das leitende Herz im Rahmen des Turniertrainings dazu. Tanzen sollte intuitiv beginnen und dann einen technischen Leitfaden als Gerüst bekommen, aber stets von Herzen kommen. Ich kann euch, Fußgängertänzern wie Rollstuhltänzern, nur dazu ermuntern, viel auszuprobieren! Das geht auch im Wohnzimmer: Etwas die Möbel bei Seite geschoben, gute Musik auf die Ohren und entdecken, was in euch steckt.

Erik im Rollstuhl mit Tanzschuhen und Rad in der Hand

Wenn es um das Tanzen von Fußgängern mit Rollstuhlnutzern geht, hier einige ordnend-strukturierender Regeln für die Zeit nach eurem ersten intensiven Ausprobieren und Erkunden im Wohnzimmer:

1. Rollstuhltanzen ist wie Eiskunstlauf mit beweglichen Brückenpfeilern:

Wenn der Rollstuhlnutzer oben keinen gut dosierten Widerstand in Form von gleichmäßiger Armspannung erhält, entgleitet er euch und kann seine eigenen Bewegungen nicht mehr kontrolliert ausführen. Fußgängertänzer und Rollstuhlnutzer liefern sich in der Armen also ein bewusst unentschiedenes, leichtes Armdrücken, damit die fließenden Rollbewegungen des Rollstuhlnutzers stabilisiert werden. Der ‚Brückenpfeiler‘, also Fußgänger, darf dabei nicht so stur sein, dass er seine eigenen Schritte und Bewegungen vernachlässigt – beweglich halt.

2. Rollstuhltanzen ist eine faszinierende Kombination aus Eiskunstlauf und ‚Stepptanz‘:

Das ist bitte nicht wörtlich zu verstehen, sondern als Ausdruck der Bewegungscharakteristiken. Der Fußgänger macht genaugenommen durch Schritte (engl. steps) unterbrochene Bewegungen. Wie im Daumenkino entsteht die Illusion von fließender Bewegung durch die Kombination von Schritten… und mit etwas Übung. Der Rollstuhlnutzer hingegen macht mit den Armen Schübe und Züge am Antriebsrad und gleitet… mit etwas Übung… über die Tanzfläche. Eine tolle gemeinsame Bewegung wird daraus, wenn der Fußgänger sich um fließende Bewegungen bemüht und der Rollstuhlnutzer Möglichkeiten entdeckt, gelegentlich Schritte auf die Fläche zu zaubern – im übertragenen Sinne natürlich, bleibt sitzen!

3. Rollstuhltanzen ist Teamwork auf Augenhöhe, kein Einfordern gegenseitiger hellseherischer Fähigkeiten:

Wie bei jedem Tanzpaar gilt es dabei, die Verantwortung für seine eigenen Bewegungen selbst zu übernehmen, den Tanzpartner nicht in seinen Bewegungen zu behindern und Erfahrungen durch Austausch gemeinsam zu sammeln. Die Frage dabei stets im Hinterkopf: Was brauche ich von meinem Tanzpartner und was braucht mein Tanzpartner von mir? Packt also die Glaskugeln wieder ein und sprecht offen darüber.

Ganz wichtig: Tanzen mit Rollstuhl und Rollstuhlnutzern geht auch exzellent bei Bewegungslimits, etwa in der Hüfte, oder natürlich auch im E-Rollstuhl! Tanzen beginnt im Kopf, geht durch den Bauch und kommt stets von Herzen! Keep on rocking!