Versorgungsmodelle der Zukunft setzen beim Hausarzt an

Der Umgang mit Patienten, die gleichzeitig an mehreren Erkrankungen leiden, stellt ganz neue Herausforderungen an das Gesundheitssystem, besonders an die Hausärzte und ihre Praxisteams. Innovative Modelle zur Versorgung dieser Menschen haben Wissenschaftler, Ärzte und Vertreter von Krankenkassen bei der ‘Fachtagung Multimorbidität’ im Haus des AOK-Bundesverbandes diskutiert. ‘Die Medizin ist bei der Behandlung einzelner Krankheiten schon sehr weit. Aber sie ist noch weit entfernt von einer gesicherten Behandlung mehrerer, gleichzeitig auftretender Krankheiten’, sagte Uwe Deh, Geschäftsführender Vorstand des AOK-Bundesverbandes. ‘Vor allem ältere Patienten leiden häufig an mehreren Erkrankungen. Für sie brauchen wir andere Versorgungsmodelle als die bisher bekannten.’ Laut Alterssurvey des Bundesfamilienministeriums sind etwa 20 Prozent der über 70-Jährigen von fünf oder mehr Erkrankungen betroffen.

Erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt wurde das Projekt ‘PraCMan’, das der besseren Versorgung von multimorbiden Patienten dient. ‘PraCMan’ wird vom Universitätsklinikum Heidelberg in Kooperation mit der AOK Baden-Württemberg und dem AOK-Bundesverband umgesetzt. Bei dem Projekt übernehmen speziell geschulte medizinische Fachangestellte aus Hausarztpraxen die intensive Betreuung von mehrfach erkrankten Patienten. Dies verbessert die Lebensqualität und hilft unnötige Krankenhausaufenthalte zu vermeiden. Mit insgesamt 115 beteiligten Hausarztpraxen und ca. 2.000 eingeschlossenen Patienten ist ‘PraCMan’ die weltweit umfangreichste Studie auf diesem Gebiet. Die Ergebnisse werden sorgfältig gemessen und mit einer Kontrollgruppe verglichen. ‘Diese anspruchsvolle Evaluation unterscheidet ’PraCMan’ von vielen anderen Ansätzen und deshalb engagieren wir uns bei diesem Projekt’, sagte Dr. Christopher Hermann, Vorstandsvorsitzender der AOK Baden-Württemberg.

‘Der Hausarzt spielt bei der Versorgung von Patienten mit mehreren Erkrankungen eine zentrale, koordinierende Rolle’, betonte Hermann. ‘Doch die auf Sektoren begrenzten Vergütungsstrukturen und Handlungslogiken erschweren seine Aufgabe. Unsere Haus- und Facharztverträge in Baden-Württemberg lösen diesen Widerspruch. Sie orientieren sich speziell an den Bedürfnissen chronisch und multimorbid kranker Patienten.’

‘Guided Care Model’ aus den USA vorgestellt
Auf der Tagung wurde auch über internationale Erfahrungen mit der Versorgung chronisch kranker Patienten berichtet. So stellte Professor Charles E. Boult von der Johns Hopkins Universität in Baltimore (USA) die Evaluationsergebnisse seines ‘Guided Care Model’ vor. In diesem Modell unterstützen speziell ausgebildete Krankenschwestern den Arzt bei der Behandlung und Betreuung von chronisch kranken Patienten. Durch die intensivierte Betreuung wurden die Prozesse und die Lebensqualität der Patienten verbessert. Zudem konnten die Kosten der Behandlung – insbesondere durch die Vermeidung wiederholter Krankenhaus-Einweisungen – gesenkt werden.

Weitere Informationen und Materialien der Fachtagung

Quelle: AOK-Bundesverband