Ein gesunder Körper verlangt Bewegung

Julia Heil, gelernte Physiotherapeutin, gibt Einblicke wie Yoga auch im Rollstuhl
funktionieren kann und worauf Einsteiger achten sollten.

Hallo Julia, möchtest du dich einmal kurz vorstellen?

Sehr gerne, mein Name ist Julia Heil und ich bin gelernte Physiotherapeutin. Seit 25 Jahren bin ich inzwischen in der Hilfsmittelversorgung tätig und konzentriere mich dabei vorwiegend auf die Versorgung von Kindern mit besonderen
Bedürfnissen. Bei der GHD bin ich im Key-Account-Management im Bereich Vitalcare tätig. Ferner habe ich 20 Jahre lang eine Schauspiel und Musicaltanz-Gruppe mit Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrern geleitet. In diesem Rahmen haben wir zwei große Produktionen
auf die Bühne gebracht, bei denen 14 Rollstuhlfahrer und 8 Fußgänger mitgespielt haben.

Das klingt auf jeden Fall schon mal sehr spannend! Wie bist du denn zum Thema Yoga im Rollstuhl gekommen?

Zunächst vorweg, ich bin keine ausgebildete Yogalehrerin, mache aber privat sehr gerne Yoga. Durch meine Tätigkeit als Physiotherapeutin habe ich festgestellt, dass vieles, was heute unter dem Begriff Yoga läuft, aus der funktionellen Bewegungslehre abzuleiten ist. Und so bin ich einerseits dadurch und andererseits durch meine Erfahrung mit Rollstuhlfahrern zu diesem Thema gekommen.

Ok, und was genau begeistert dich am Yoga?

Man konzentriert sich auf seinen eigenen Körper, man besinnt sich also endlich mal auf das Wesentliche und ist mit seinen eigenen
Grenzen konfrontiert. Außerdem gefällt es mir, dass jeder sein eigenes Level finden kann, sodass man auch mit gemischten Gruppen gemeinsam Yoga machen kann. Wenn alle zusammen rennen, muss die Gruppe so schnell rennen wie der langsamste Läufer, das ist beim
Yoga nicht so. Hier kann wirklich jeder mitmachen.

Damit sprichst du schon genau unser heutiges Thema an. Wenn ich an Yoga denke, habe ich das Klischee einer sportlichen Frau im Kopf, die ihre Beine hinter dem Kopf verschränkt. Wie funktioniert also Yoga im Rollstuhl?

Ja, das denken wohl viele! Das muss aber gar nicht der Fall sein. Man kann die meisten Übungen ganz einfach für verschiedene Level entsprechend adaptieren. Außerdem beginnt man Yoga ohnehin immer entspannt. Man konzentriert sich zunächst nur auf die Atmung. Dann
kommen vielleicht leichte Bewegungen in Kopf und Schultern hinzu und man nimmt langsam den Oberkörper mit. Aber der Punkt dabei ist, dass jeder so weit geht, wie es für ihn machbar ist und es sich richtig anfühlt. Es geht einfach darum, dass man seine eigenen Bewegungsgrenzen erkennt und eventuell den Wohlfühlbereich überschreitet. Wann nimmt man im Alltag schon mal den Arm ganz nach hinten oder dreht den Kopf so weit wie möglich?

Ja, das stimmt natürlich, gerade am Schreibtisch passiert das selten. Aber welche Vorteile kann ich denn aus diesen ungewohnten Bewegungen ziehen?

Zunächst hilft es einem, sich auf sich selbst zurückzubesinnen. Das Körpergefühl von vielen Personen ist heutzutage miserabel, das gilt
auch, aber natürlich nicht nur für Rollstuhlfahrer. Yoga lohnt sich dabei für jeden, egal ob man sich mehr bewegen möchte, oder unter
Rückenschmerzen leidet. Physiotherapeuten wären auf jeden Fall stark entlastet, wenn mehr Leute das ausprobieren würden. Man stärkt das
Körperbewusstsein und sorgt für Muskelkräftigung und Dehnung. Bei den Übungen selbst kann man dann auch gut nachspüren, wo es zwickt und wo man eingeschränkt ist. So kann man dann auch seine Grenzen abstecken. Und am Ende merkt man einfach, wie gut es einem tut.

Gibt es auch spezielle Vorteile, die Rollstuhlfahrer daraus ziehen können?

Wenn wir den ganzen Tag sitzen, ist unser Oberkörper in Bezug auf Dehnung und Kräftigung unterversorgt. Das ist bei Rollstuhlfahrern nicht anders. Im Gegensatz zu Fußgängern nutzen Rolli-Fahrer ihre Arme viel intensiver, nämlich zur Fortbewegung. Um die Beweglichkeit hier zu erhalten und die Muskeln zu kräftigen, ist Yoga ein guter Weg.

Und was gibt es bei Yoga im Rollstuhl speziell zu beachten?

Viele Yoga-Übungen können für Rollstuhlfahrer adaptiert werden. Übungen, die sonst im Stehen ausgeführt werden, können auf den Knien oder eben komplett im Sitzen durchgeführt werden. Dabei empfehle ich immer, sich aus dem Rollstuhl heraus auf einen anderen Untergrund zu setzen. Dafür muss genügend Rumpfstabilität vorhanden sein. Ansonsten kann man auch im Rollstuhl einige Variationen anbieten. Wenn man den Bauch auf die Oberschenkel ablegt, kann man beispielsweise mit den Händen an das Fußbrett oder auf den Boden greifen. So hat man verschiedene Bewegungsabläufe. Oft kann ein Partner auch sehr hilfreich sein, beispielsweise, wenn der Arm aus eigener Kraft nicht so weit nach oben gestreckt werden kann, ist es gut, einen Fußgänger an der Seite zu haben, der einen unterstützt.

Was meinst du: wenn ich heute mit Yoga anfange, wann spüre ich dann die ersten Verbesserungen in puncto Körpergefühl, Dehnung und so weiter?

Das stellt sich fast sofort ein. Wenn du eine Viertelstunde Yoga machst, wirst du schon spüren, wie sich dein Körpergefühl verbessert.
Generell kann ich gerade für Einsteiger empfehlen, lieber häufiger eine Viertelstunde bis zwanzig Minuten Yoga zu machen und nicht direkt für eine Stunde. Das könnte doch überfordern und etwas zu anstrengend sein.

Jetzt bin ich natürlich Feuer und Flamme und möchte direkt mit Yoga anfangen. Was brauche ich dafür? Hast du einen Rat für einen Einsteiger?

Prinzipiell kann man Yoga-Übungen, die man auf YouTube findet, auch zu Hause nachmachen und abwandeln, je nachdem, wie groß die körperliche Einschränkung ist. Blutige Anfänger und Sportmuffel sollten sich im Zweifelsfall an einen Experten wenden, um sicherzugehen, dass die Übungen richtig ausführt werden. Das bietet sich auch bei Erkrankungen an, die sich ständig verändern wie beispielsweise MS. Wobei ich sagen muss, dass ich die Erfahrung gemacht habe, dass sich Erkrankte gut selber einschätzen können und wissen, was sie sich zumuten können und was nicht.

Also einfach mal starten statt zu lange drüber nachdenken?

Für jeden, egal ob eingeschränkt oder nicht, ist es wichtig, dass wir uns mit unserem Körper befassen und ihn genauso lieben wie unser
Leben. Ein gesunder Körper verlangt Bewegung, er ernährt sich von Bewegung, genau wie von Nahrung. Und diese Bewegung kann auch Yoga sein.