Mit dem Rollstuhl im öffentlichen Nahverkehr – ein Erfahrungsbericht

Auch in Sachen ‚Nahverkehrsreisen mit dem Rollstuhl‘ gibt es viele Mythen. Die wenigsten davon drehen sich meiner Erfahrung nach um besonders rosige Aussichten.

Dabei bedeutet doch gerade Mobilität immer auch einen Gewinn an Lebensqualität. Und nicht selten werden rosige Aussichten in einem Akt verbaler Akrobatik so ins Verhältnis zur vermeintlichen Situation von Rollstuhlnutzern gesetzt, dass aus Sonnenschein mit der Präzision des Kometen Chicxulub (der die Dinosaurier auslöschte) mit einem Schlag Dunkelheit wird: „Diese großartige Mobilität! Toll, wie du deine Reisen meisterst… trotz deiner Behinderung.“. Über dieses kleine, aber mächtige Wörtchen ‚trotz‘ wird es in einem meiner nächsten Beiträge gehen. Heute möchte ich den Sonnenschein wieder einschalten – Spot an, Fokus auf das Reisen mit dem Rollstuhl im öffentlichen Nahverkehr.

Genauso wie ‚das mächtige Trotz‘ sind Vorurteile ausgezeichnet dazu geeignet, Mythen zu begründen, die Tatsachen schaffen, beispielsweise, wenn ein neuer Rollstuhlnutzer darüber informiert wird, dass die Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln äuuuußerst (laut neuer behindernder Rechtschreibung mit vier ‚u‘ und Betonung auf der ersten Silbe) schwierig ist.

Angesichts dieser äuuuußerst schwierigen Situationen bin ich sehr froh, wenn ich von Mobilitätskursen lese, die authentisch von rollstuhlfahrenden Experten geleitet werden. Hier können aus erster Hand der Umgang mit dem Rollstuhl gelernt und persönliche Grenzen ausgelotet werden. Mein Tipp: Glaubt nicht an eine Grenze, die ihr nicht selbst erreicht habt… und lernt dann, mit dieser umzugehen! Dabei im Vordergrund stets die Fragen: 1. Wohin will ich? 2. Wie komme ich dahin? 3. Was brauche ich dazu?

Wohin will ich?

In der Natur von Reisen liegt es, dass sie sprichwörtlich den Horizont erweitern oder zumindest die Vorstellung von dem, was dahinter liegt. Ich bin sehr neugierig veranlagt, so kam mir das Reisen im Zuge des Tanzsports sehr gelegen, bot es mir doch kurzzeitig auch immer wieder Abwechslung von einem Alltag in Uni und Nebenjob. Aber nicht nur da, hinter meinem Horizont, der bis dahin bei guter Sicht circa bei Georgsmarienhütte endete, taten sich stets eine neue Kultur, neue Erfahrungen und auch Freundschaften auf – die beiden letzteren Dinge kann man auch in Georgsmarienhütte finden. Aber eine neue Kultur z.B. dann, wenn man soweit gekommen ist, dass man ehrfürchtig die chinesische Mauer berühren kann. Um das gleich vorweg zu nehmen: Mobilitätszentralen von deutschen Beförderungsunternehmen können euch nicht davon abhalten. Aus meiner Sicht kann ich empfehlen: Steckt eure Ziele lieber höher und weiter, um soviel Erfahrungen zu machen, wie ihr könnt. Reisen lernt man durch Reisen und im Austausch mit Menschen, die mehr Lösungen als Probleme gefunden haben.

Wie komme ich dahin?

Mit soviel Erfahrungen, wie ihr eben sammeln könnt. Jeder Mensch ist limitiert durch seine physischen Möglichkeiten. Das wird deutlich, wenn wir auf Unternehmungen schauen, die Weltraumflüge für jedermann ermöglichen wollen. Per Definition müsste bis heute jeder als äuuuußerst ‚behindert‘ gelten, der nicht in den Weltraum starten kann… aus der Perspektive von Astronauten. Gelegentlich beschleicht mich auch bei dem Thema Reisen das Gefühl, dass Rollstuhlnutzer oft aus einer Astronautenperspektive betrachtet werden… als flugunfähige Aliens, deren Flugfähigkeit an zu engen Türrahmen, fehlenden (Start-)rampen, Treppen oder den ‚baulich-mentalen  Gegebenheiten‘ in dem einen oder anderen Kopf scheitert. Bevor wir uns nun aber durch lebhafte  Erinnerungen an persönliche Diskriminierungserfahrungen mit entsprechendem Kopfkino in Rage bringen: Meiner Erfahrung nach gelingt Reisen am besten mit gepflegter Gelassenheit, aber auch mit gründlicher Reiseplanung und bestimmten Rollstuhlfahrtechniken.

Eure ganz eigenen Techniken entdeckt ihr am besten im Gespräch mit anderen Rollstuhlnutzern, durch viel Ausprobieren – im Tanzsport entstehen durch Ausprobieren ganz neue Bewegungen – oder, für die hartgesottenen Pragmatiker unter uns, durch direkte Konfrontation mit neuen Situationen: Das Überwinden z.B. von mittelhohen Bordsteinen habe ich auf rasanten Einkaufstouren mit meiner Schwester gelernt, als wir auf die Idee kamen, dass ich mich zur Beschleunigung an ihren Fahrradkorb hängen könnte. Bei 20 km/h lernte ich schnell, dass es Vorteile hat, die Vorderreifen anzuheben, um sich nicht jede Kante zu geben. Alles eine Frage der individuellen Technik, die man sich mit etwas Zeit und Beharrlichkeit erarbeiten kann.

Hoffentlich kein Mythos: Auch Rollstuhlnutzer planen mehr oder weniger ihre Reisen. Das schützt vor unliebsamen Überraschungen – bis zu einem gewissen Maße. Die Illusion aber, dass man damit jeder Überraschung aus dem Weg gehen kann, habe ich irgendwann aufgegeben. Und um nicht immer auf ‚unliebsame‘ Überraschungen zu treffen, habe ich mir zur Gewohnheit gemacht, wenn nicht Leib und Leben betroffen ist, gerade diese Überraschungen am Reisen lieben zu lernen. Zur teilweise deutlichen Verwunderung von Zugbegleitern, die in Endlosschleife, sich bis zur Besinnungslosigkeit scheinbar selbst beutelnden, Reisenden erklären müssen, dass ein Schienenfahrzeug, neben etlichen Annehmlichkeiten, den signifikanten Nachteil mit sich bringt, im Falle von Hindernissen auf den Schienen, ein Ausweichen nach links, rechts, oben oder unten nicht umsetzen zu können. Ähnlich stressende Erfahrungen scheinen auch Busfahrer zu machen, wie ich aus erster Hand hörte. Mir hilft es in Sachen Planung, Wegzeiten realistisch und großzügig, unter Berücksichtigung des gewünschten Stresslevels, einzuplanen.

Gelassenheit hilft auch gerade da, wo wir Menschen auf unserer Reise begegnen. Aber es kann eine verdammt große Herausforderung sein, wenn die hydraulische Rampe, die viele von uns Rollstuhlnutzern beim Aussteigen aus Zügen, zum Erklimmen der Bahnsteigkante, benötigen, gerade dann nicht funktioniert, wenn unser Anschlusszug drei Bahnsteige weiter in drei Minuten abfährt. Aus irgendeinem Grund scheint es aber gerade dann in der menschlichen Natur zu liegen, felsenfest zu glauben, dass wir mit nur genügend innerer Anspannung Berge versetzen, Züge reparieren, Busse beschleunigen oder die Zeit anhalten könnten. Im besten Fall erhöhen wir damit nur unseren Blutdruck, im schlechtesten Falle, den des in aller Regel sehr bemühten Nahverkehrspersonals. Mein Tipp: Durchatmen, bis 10 oder 100 zählen, eigene Anliegen deutlich, aber ruhig aussprechen und vor allem auch Mitreisende und Fahrpersonal in ihrer ganz eigenen Situation oder Perspektive wahrnehmen. Mehr Wahrnehmung würde ich mir auch von Mitreisenden wünschen, die gnadenlos über diese hydraulischen oder auch manuellen Rampen rein in Busse oder Züge stürzen, selbst wenn die Zugbegleiter, Busfahrer oder andere Mitreisende noch mit dem Ausfahren oder Auslegen dieser wichtigen Hilfsmittel beschäftigt sind. Das ist aber vermutlich Zeitgeist.

Was brauche ich auf meinen Reisen?

Wie jeder Reisende habe ich mal mehr, mal weniger Gepäck dabei. Dessen Verstauung und Transport ist eine Frage des Gleichgewichts. Wir Rollstuhlnutzer sind  wortwörtlich auf Achse, wann immer es uns raus in die Welt zieht. Im Vitalcare-Bereich werden dabei viele Aktivrollstühle mit einem, an die Bedürfnisse angepassten, Schwerpunkt ausgestattet, der maßgeblich von der Position der Radachse abhängt. Desto weiter unsere Achse nach vorne wandert, desto mehr wandert der Schwerpunkt nach hinten. Wir können dann also besser die Vorderräder anheben, kippen aber auch leichter nach hinten um. Ähnlich wie ein Fahrradfahrer nicht alles Gepäck links oder rechts einseitig anbringen kann, wenn er noch gut geradeaus fahren möchte, so können wir nicht beliebig Gewicht hinten, an die Rückenlehne, hängen. Bei mir brauchte es nur eine unsanfte Rückenlandung auf einer asphaltierten Rampe des Schulhofes meiner Grundschule, um dieses Prinzip zu erkennen. Seit dem kommen Spanngurte zum Einsatz, um das Gepäck sicher und gleichmäßig zu verstauen.

Was wir brauchen, ist aber auch eine mir sehr wichtige Frage der klaren Kommunikation unserer Bedürfnisse. Einerseits benötigen wir Rollstuhlnutzer teilweise eine absehbare Umstiegshilfe durch Bahnhofspersonal, dann rufen wir bei der sogenannten Mobilitätszentrale an. Andererseits aber weniger absehbare, spontane Unterstützung, wie viele andere Reisende eben auch, beispielsweise beim Rangieren zum Sitz- oder Stellplatz oder beim Ausdemwegräumen von ungünstig abgestelltem Gepäck. Das sind die ganz normalen Bedürfnisse von Reisenden.

Hinzukommen ganz individuelle Dinge, bei denen Unterstützung hilfreich ist. Ich selbst kann z.B. in dicht am Bordstein parkende, abgesenkte Busse oder moderne, gleishohe Nahverkehrszüge mit Schwung einsteigen. Das gilt nicht für jeden Rollstuhlnutzer und führt daher manchmal zu Irritationen zwischen Mitreisenden und Rollstuhlnutzern.

Sowohl im Miteinander mit Mitarbeitern der Mobilitätszentrale, als auch mit Nahverkehrspersonal und Mitreisenden helfen hier nur: Klare Kommunikation von Bedürfnissen, aber auch Grenzen,  und ein ständiges Bemühen um angenehmen und wertschätzenden Kontakt, trotz Reisestress. Ich selbst habe damit ganz überwiegend beste Erfahrungen gemacht und weniger gute, oft nur dann, wenn ich selbst einen ganz schlechten Tag hatte und nicht danach gehandelt habe.

Was ich mir als Reisender im Nahverkehr wünschen würde: eine gute Portion Gelassenheit, mehr gegenseitige Wahrnehmung und Akzeptanz in einer Situation, die ich als rollstuhlnutzender Reisender immer wieder erlebe: Nach einem freundlichen Hilfsangebot und einem klaren ‚Nein, vielen Dank!‘ ein Verständnis dafür, dass wir alle am besten selbst entscheiden können, ob wir etwas brauchen oder nicht. Immer wieder werden solche klaren ‚Neins‘ ignoriert – ein ‚Nein‘ heißt ‚nein‘.

Was mich persönlich jedoch immer wieder freut, ist der Eindruck, dass baulich in den letzten Jahren ganz viele Barrieren verschwunden sind, Nahverkehrsreisen im Rollstuhl zunehmend als Selbstverständlichkeit wahrgenommen werden, nahezu immer höflich Hilfe angeboten wird und die vielen Bekanntschaften, die in 17 Jahren in Bus und Bahn mit herzlichen und hochengagierten Mitarbeitern oder Mitreisenden entstanden sind. Dafür an dieser Stelle vielen Dank!

Vielleicht hat euch dieser Artikel geholfen, das Reisen im Nahverkehr einmal aus einer anderen Perspektive zu betrachten, vielleicht habt ihr aber auch Anregungen für eure nächste Reise darin gefunden!? Ich würde mich freuen! Gebt mir gerne Feedback!

Erik Machens auf der Busrampe