Workshop „Die Wunde steht Kopf“ – Nachbericht

Unter dem Motto „Foot loose – Amputation nein danke!“ fand am 1. und 2. März 2019 ein zweitägiger Intensiv-Workshop für Kunden, Mitarbeiter und Partner der GHD GesundHeits GmbH Deutschland im Parkhotel Ahrensburg statt. Die zweite Veranstaltung der Reihe „Die Wunde steht Kopf“ thematisierte die Herausforderungen bei der Versorgung von Menschen mit einem diabetischen Fußsyndrom (DFS) und Aspekte der Hygiene, Edukation und Kostensituation. Zudem hatten die Teilnehmer Gelegenheit, aktuelle Materialien und Versorgungsmöglichkeiten kennenzulernen.

Die beiden gutgelaunten Moderatoren Kerstin Protz und Werner Sellmer eröffneten die Veranstaltung mit einer kleinen Fragerunde. Hierbei gaben die etwa 100 Teilnehmer mit Hilfe von ausgelegten TED-Geräten Auskunft über Beruf und Anreisewege. Es stellte sich heraus, dass der Großteil der Anwesenden aus der Pflege kam, davon die meisten aus dem klinischen Bereich. Fast die Hälfte der Teilnehmer hatte eine Anfahrt von über 100 km auf sich genommen. Dies spricht für die Attraktivität der interdisziplinären Veranstaltungsreihe „Die Wunde steht Kopf“, die die GHD zum zweiten Mal im Ahrensburger Parkhotel ausrichtete.

Die Füße im Fokus

Der Vortragsreigen des ersten Tages wurde durch Dr. Hans Ulrich Clever eröffnet. Der Hamburger Diabetologe sprach über die physiologischen Grundlagen des DFS. Hiervon sind Menschen mit Diabetes mellitus betroffen, die aufgrund einer Polyneuropathie Empfindungsstörungen in den Füßen haben. Da die Betroffenen weder Temperaturen noch Schmerzen spüren, bilden sich dort oft unbemerkt Wunden aus. „Der Diabetiker vergisst die Wunde“, erläuterte Dr. Clever. Dadurch ist das Krankheitsbewusstsein schwach ausgeprägt, was sich negativ auf die Therapie auswirkt. Als essentielle Maßnahme zur Vorbeugung eines diabetischen Fußulkus sieht Dr. Clever daher regelmäßige Besuche bei Podologen an, die er in diesem Zusammenhang als effizientes „Frühwarnsystem“ bezeichnete.

Ergänzend erläuterte Daniela Karbe eine aktuelle Möglichkeit der Versorgung von Menschen mit einem Fußulkus im Zusammenhang mit dem DFS. Das sogenannte „Filzen“ ist eine Methode der schnellen und individuellen Druckentlastung solcher Wunden, die sich meist an der Fußrückseite oder den Zehen befinden. Wenn der Patient auf dieser Fußbettung läuft, ist der Wundbereich entsprechend entlastet. Dadurch verläuft die Wundheilung relativ ungestört, während der Betroffene seine Mobilität erhält.

Wundmanagement beim DFS

Myriam Seifert berichtete von Erfahrungen in der Versorgung von Menschen mit diabetischen Fußulzera (DFU). Diese kommen meist spät zum Behandler, wenn das Krankheitsbild bereits fortgeschritten ist. Sie kennt als pflegerische Leitung des Comprehensive Wound Center (CWC) am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf die Sorgen der Betroffenen. Diese entwickeln oftmals einen „Leibesinselschwund“, bei dem noch vorhandene Gliedmaßen zunehmend weniger wahrgenommen werden, weil sie nicht mehr zu spüren sind. „Es lohnt sich auch den anderen Fuß anzuschauen“. „Zudem sollten die Schuhe kontrolliert werden.“ Menschen mit Diabetes mellitus bemerken aufgrund der Neuropathie Steinchen oder auch größere Fremdkörper im Schuh oft nicht. Dies gelte sowohl bei bestehenden Wunden als auch in der Prophylaxe von Rezidiven.

„In der Versorgung des diabetischen Fußsyndroms ist jede Phase eine kritische Phase“, betonte Dr. Tino Breitfeld in seinem Beitrag zur ärztlichen Versorgung von Patienten mit DFS. Der Wernigeröder Mediziner begreift das DFS als schleichende Erkrankung, die den Patienten ein Leben lang begleitet. Etwa 30.000 Amputationen sind in Deutschland jährlich auf durch Diabetes mellitus verursachte Fußschädigungen zurückzuführen. Daher sollten diese Betroffenen immer als Risikopatienten angesehen werden, so Breitfeld. Zusätzlich zu sachgerechten Druckentlastung gelte es weitere Faktoren, wie eine individuell angepasste Wundversorgung, bedarfsgerechte Medikation und Ernährung im Auge zu behalten.

Aspekte der Wundversorgung

Die Referenten am Folgetag nahmen allgemein die Versorgung von Menschen mit chronischen Wunden in den Blick. Aufgrund der langen Krankheitsverläufe haben diese Patienten ein hohes Risiko, mit multiresistenten Erregern (MRE) in Kontakt zu kommen. Dies sind spezielle Keime, die durch Mutation Resistenzen gegenüber verschiedenen Antibiotika entwickelt haben. Laut Dr. Markus Schimmelpfennig haben sich einige dieser MRE bereits entwickelt, bevor der Mensch die Erde betrat. Aber insbesondere durch den sorglosen Umgang mit Antibiotika – nicht nur in der Medizin, sondern auch bei der Fleischproduktion – steigen die Anzahl und die Verbreitung dieser Mikrobenarten derzeit rasant an. Der Hygieniker nahm hierbei auch die Rolle der Pharmaindustrie kritisch in den Blick. „Wir werden in den nächsten Jahren keine Antibiotika neueren Typs erhalten“, so Dr. Schimmelpfennig. Die Entwicklungskosten seien den Herstellern angesichts des Ertrags zu hoch. Umso wichtiger sei die sachgerechte und regelmäßige Durchführung adäquater hygienischer Maßnahmen – denn gegenüber Antiseptika sind auch MRE wehrlos.

Werner Sellmer sieht manche Herausforderungen der Versorgung von Menschen mit chronischen Wunden im Gesundheitssystem selber begründet. Der Hamburger Apotheker beschrieb in seinem Vortrag den „großen Graben“ der sich zwischen dem ambulanten und dem stationären Sektor auftue. Hinzu kommt derzeit die Veränderung der Gesetzeslage, die insbesondere die Erstattung von Wundauflagen betrifft. Diese wurde angestoßen durch eine gemeinsame Initiative von Kostenträgern, Bundesärztekammer und Gesundheitsministerium, die auf eine genauere Definition von Verbandmitteln abzielt. Dadurch steht die Erstattungsfähigkeit vieler Produkte in Frage.

Da die Veranstaltungsreihe „Die Wunde steht Kopf“ in Kooperation mit dem Asklepios Bildungszentrum für Gesundheitsberufe stattfand, erhielten die Teilnehmer 11 Rezertifizierungspunkte nach ICW.