Wundheilung bei Druckgeschwüren als Rollstuhlnutzer – ein Lagebericht

Liebe Leute,

über Themen wie Druckgeschwüre erfahren wir selten aus erster Hand und noch seltener von Leistungssportlern. Viel lieber berichte ich euch über unblutigere Themen, als beinahe heroisch davon, wie ich mir jüngst den Allerwertesten im alljährlichen Wettkampfgeschehen an nicht-werksseitiger Stelle perforiert habe. Aber den Austausch über viele der kleinen und großen tabuisierten Themen halte ich für Betroffene für wichtig, u.a. auch zur Vorbeugung.

Rollstuhltanzsport ist Leistungssport, das heißt wir setzen alle Beweglichkeit ein, die uns im Körper zur Verfügung steht. Auch Hüfte, Becken und Beine spielen bei rollenden John Travoltas (männlich/weiblich/divers) eine gewichtige Rolle. Dazu mehr in meinen Videos und Kursen. Das Gesäßgewebe ist bei aktiven Rutschbewegungen im Rollstuhl zwischen Beckenknochen und Sitzkissen entgegengesetzten Scherkräften ausgesetzt, während Druck von oben kommt.

Stellt euch vor, eure rechte Hand zieht an einer fetten Mortadellascheibe, während eure linke Hand das gleiche tut und euer Kopf, wie die schwungvolle Hand eines Karatemeisters auf Holzbretter, von oben Druck ausübt. Diesen verhängnisvollen ‚kampfsportlichen Mortadellaeffekt‘ erlebte ich schon vor einigen Monaten. Das tückische dabei: Eine anfänglich kleine Wunde wird durch schlechte Durchblutung in Folge des täglichen Sitzens schnell größer. Und nun habe ich den Salat und brauche aktuell viel Geduld.

Dekubitus bei Rollstuhlfahrer*innen

Bei der Vermeidung ernsthafter Verletzungen ist die Vorsorge das A und O. Wir können Scherkräfte auf das Gesäß vermeiden, wenn wir uns diese Kräfte bewusst machen. Bei fehlender Hautsensibilität (durch z.B. Querschnittslähmungen) sollten wir beim Sport und anderen Aktivitäten auf unsere Gesundheit besonders achten und unser Temperament auch im Tanzen anders ausdrücken als durch fragwürdige Rutschakrobatik. Ein Profitipp: Enge Radlerhosen und Gesäßcremes, die auch im Radsport eingesetzt werden, können ergänzend vorbeugend helfen.

Sowohl die reißende Scherkraft als auch die quetschende Druckkraft können wir durch eine spezielle Sitzkissenversorgung vermeiden.

Der Druckkraft auf unser Gesäß können wir Rollstuhlnutzer*innen auch ein wenig entgegenwirken, wenn die Oberschenkelmuskulatur bei anspruchsvollen Aktivitäten einen Hauch mehr Druck auf die Fußstütze ausübt. Zudem kann es entlastend wirken, wenn unsere Oberarmmuskulatur minimal mehr Druck auf die Greifreifen ausübt. Vorsicht: Druck über die Schultermuskulatur führt schnell zu nachhaltigen Nackenwirbelsäulenverspannungen! Darüber aber in Kürze mehr – hier auf meinem Blog.

Jeder Druckgeschwür- oder Dekubituspatient weiß: Ist die Verletzung schon geschehen, helfen viel Geduld und eine ständige Druckentlastung bei der Heilung. Die Druckentlastung fördert den Prozess der Abheilung durch verbesserte Durchblutung des Wundgewebes. Im Alltag setze ich mich deshalb oft um und verlagere das Gewicht. Nachts kann beispielsweise mehr auf dem Bauch oder der Seite geschlafen werden.

Meine GHD-Kollegin Andrea Naumann wies mich zudem auf die wichtige Bedeutung der Ernährung bei Wundheilungen hin. Hier spielt Eiweiß eine ganz entscheidende Rolle auf eurem Weg der Besserung!

In diesem Sinne: Druck rausnehmen – auch als Sportler*in!

Passt auf euch auf und gute Besserung!